Schauspieler Handbuch

7 SCHAUSPIELERISCHE DARSTELLUNGEN DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS – TEIL I

29th November 2016
Vor Kurzem begab ich mich im Internet auf die Suche nach einer Liste mit Filmen und schauspielerischen Darstellungen, die man als anstrebender Schauspieler unbedingt gesehen haben sollte. Schließlich steht uns heute eine breite Masse an reicher Filmgeschichte zur Verfügung, nach der sich früher jeder Schauspielschüler die Finger geleckt hätte.

Also nahm ich mir vor, empfohlene Filmklassiker der verschiedensten Jahrzehnte zu analysieren und die Arbeit der Schauspieler zu studieren. Auf der Suche nach „der Liste“, bin ich aber stattdessen auf etwas anderes gestoßen: ein Artikel mit Experteninterviews mit Casting Direktoren und Schauspiellehrern, u.a. Was sie zu sagen hatten fand ich plötzlich um einiges interessanter als eine strukturierte „Top 10 Liste“. Somit stelle ich euch heute eine etwas andere Auflistung vor, die nichtsdestotrotz vielversprechende schauspielerische Darstellungen aufgreift und euch die eine oder andere Idee für den nächsten Filmabend verspricht.

Gena Rowlands und Cliff Curtis

So sehr ich es auch empfehle sich Ingrid Bergman, Meryl Streep, Marlon Brando, Gary Oldman und Cate Blanchett anzusehen – allesamt für sich genommen unglaubliche Schauspieler – möchte ich auf zwei weniger bekannte Größen aufmerksam machen, beide aus sehr unterschiedlichen Epochen, Ländern und sozialen Schichten.

Die schauspielerische Darstellung von Gena Rowlands im John Cassavetes Film „Eine Frau unter Einfluß“ (A Woman Under the Influence, 1974) bleibt eine der zerbrechlichsten, mutigsten und berührendsten Inszenierungen, die ich jemals im Film erlebt habe. Das Merkmal von Cassavete, eine Welt der Spielerei in seinen Filmen zu erschaffen, wird von Rowlands in vollen Zügen ausgenutzt. Ihre Arbeit ist so roh und echt, dass man sich beim Zuschauen fast unwohl fühlt.

Gleichzeitig empfehle ich den Schauspieler Cliff Curtis aus Neuseeland wenn es darum geht, die Kunst der Transformation zu erlernen. Sich auf nur einen einzigen seiner Filme zu begrenzen wäre absolut sinnlos. Von breiter Komödie zu tiefer Tragödie und mit der Fähigkeit jedes körperliche Aussehen, jede Nationalität oder jeden Akzent zu meistern, ist seine Arbeit immer wieder eine Inspiration.

– Paul Barry, Australischer Schauspiellehrer mit Wohnsitz in L.A.

Mark Rylance

Mark Rylance – in allem und alles. Er war eine Zeit lang in der BBC Serie „Wolf Hall“ (2015) zu sehen – ein Genie. Doch wenn er in einem Theaterstück zu sehen ist, dann umso besser. Genieße jeden Moment in dem er auf der Bühne steht. Es gibt nichts Vergleichbares zu seiner Einfachheit, Tiefe, Klarheit und Wahrheit. Seine Leistung ist was jeder Schauspieler für sich erstreben sollte. Eine Freude zu sehen. Eine Inspiration zu lernen.

– Steve Braun und Risa Bramon Garcia, BGB Studio

Meryl Streep

Meryl Streep in „Sophies Entscheidung“ (Sophie’s Choice, 1982) zeigt uns die womöglich größte weibliche Performance auf einer Leinwand. Sie ist fragil und machtvoll, witzig und herzzerreißend zugleich. Und immer, selbst als Überlebende eines nazi-deutschen Konzentrationslagers, absolut glaubhaft. Sie lässt sich für ihren Mangel an Perfektion auslachen und sie ist in der Lage maximale Verletzbarkeit mit ihrer vollen Willenskraft zu vereinen.

– D.W. Brown, Schauspiellehrer aus L.A.

Deine „maßgefertigte“ Rolle

Schauspieler sollten Rollen ausfindig machen, die ihrer Person ähneln und diese analysieren. Dieses hat vorrangig zwei Gründe. Erstens, es gibt Selbstsicherheit zu sehen, dass es im Business auch die passenden Rollen für einen gibt. Zweitens, Schauspieler können diese Rollenbeispiele als Prototypen verwenden, wenn sie sich bei Casting Agenturen, Autoren und Produzenten vorstellen und vorsprechen. Je mehr sich Schauspieler dessen bewusst sind, wie sie am besten ins Business passen, desto mehr Raum werden sie für sich in Anspruch nehmen können.

– David Patrick Green, Gründer von Hack Hollywood

Glenn Close

Ich könnte den ganzen Tag lang über Meryl Streep reden, aber fairnesshalber entscheide ich mich für einen anderen Schauspieler. Mit „Eine verhängnisvolle Affäre“ (Fatal Attraction, 1987) bekehrte Glenn Close jeden, der auch nur an Ehebruch dachte, in eheliche Treue bis weit in die 90er. Ich liebe es einem Schauspieler zuzuschauen und dabei zu vergessen, dass ich mir eine Performance ansehe. Ihre eiskalt überzeugende Darstellung einer rachsüchtigen Ex-Liebhaberin machte den Film zu einem der erfolgreichsten in den 80er Jahren und erbrachte ihr eine Nominierung als „Beste Schauspielerin“ bei den Academy Awards.

– Marc Cartwright, Redaktioneller Fotograf aus L.A.

Peter O’Toole

Peter O’Toole in „Lawrence von Arabien“ (Lawrence of Arabia, 1962) ist immer noch eine der beeindruckendsten schauspielerischen Darstellungen in einem der vorzüglichsten Filme aller Zeiten. Ich kann mich immer noch an das erste Mal erinnern, wie ich den Film im Kindesalter gesehen habe und wie von Zauberhand an diesen Ort und in diese Zeit versetzt wurde. Ich kann mich an diese Augen erinnern und an diese Energie die meine Seele durchbohrte während ich wie gebannt in einem Kinosaal in Dallas saß.

– Cathryn Hartt, Gründer von Hartt and Soul Studio

Kevin Kline

Kevin Kline als Otto in “Ein Fish namens Wanda” (A Fish Called Wanda, 1988) ist legendär und eine meiner Lieblingsrollen. Otto, das egoistische, idiotische, selbsternannte Genie. Besonders liebe ich die Szene in der er und Jamie Lee Curtis (Wanda) einen Safe öffnen um herauszufinden, dass sie von ihren betrügerischen Kollegen übers Ohr gehauen wurden. Otto ist völlig außer sich und brüllt, springt aus heiterem Himmel fast einen Meter in die Luft, tritt frustriert mit beiden Füßen die Tür ein und meckert: „Was muss man in diesem Leben tun um das Vertrauen der Leute zu gewinnen?“ Und dann: „Immer werde ich ausgenutzt!“ Der letzte Satz war eine von Kline hinzugefügte Improvisation. Lehrstunde: Drücke deinen Subtext aus! Der Kern der Rolle wird in dieser Szene völlig entblößt. Einfach genial. Kline selbst hat diesen Ausbruch in die Szene gebracht – es stand nicht im Drehbuch.

– Kate McClanaghan, Casting Direktorin aus L.A.

 

Beitragsbild: Brigitte Lacombe, Meryl Streep, New York, NY, 2011 (TheRedlist.com)
Quelle: Backstage (Website). 15 Performances All Aspiring Actors Must See by Rebecca Strassberg

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